Montag, 27. Juni 2011

Das soll Journalismus sein?

Al Jazeera bzw das ORF bringt einen Hintergrundbericht, dass der Volksaufstand in Ägypten keine spontane Erhebung der einfachen Ägypter war, sondern von Internetaktivisten seit drei Jahren vorbereitet wurde. Das scheint solide Journalistenarbeit zu sein. Völlig im Dunkel hingegen bleiben zum Arabischen Frühling so naheliegend wichtige Fragen wie die nach den konkreten persönlichen Gründen und Erlebnissen, warum die einzelnen Aktivisten, Künstler und Demonstranten einen Hass auf Mubarak bzw Gaddafi haben, was sie am bestehenden System ablehnen und was sie konkret erhoffen, welches politische System sie sich wünschen und aufbauen wollen. Also man sieht eine halbe Stunde lang die Vorbereitungen der Aktivisten des ägyptischen Volksaufstandes, hört aber nichts über deren Motive und Gründe, nichts über die Ziele nach dem Sturz Mubaraks. Das soll Journalismus sein.

Genauso zu den Protesten in Griechenland. Die Leute auf der Strasse dürfen sagen, dass die Regierung weg soll, dass sie die Sparmassnahmen für unzumutbar halten, aber niemand wird zitiert was man sich denn als Alternative vorstellt. Gibt es kein griechisches Fernsehen, haben die dort keine politischen Talk-Shows wo mit dem Publikum Lösungen aus der Krise diskutiert werden; haben die Jahre langen Demonstrationen keine Entsprechung in Internet- und anderen Foren, ähnlich wie etwa bei uns zu Stuttgart 21? Die griechischen Protestler werden dargestellt quasi wie Schafe, die zwar wissen dass sie nicht zum Metzger wollen, aber sich keine Gedanken darüber machen, wie der Bauer der sie versorgt und beschützt, sein Geld verdienen soll. Dabei wurde die Demokratie in Griechenland erfunden. Aber der Journalismus offenbar nicht in Deutschland.