Montag, 24. Mai 2021

Fortsetzung: "Nicht die Nazis haben die Ärzte gebraucht, die Ärzte haben die Nazis gebraucht." [Ernst Klee]

 Es gibt die Redensart "Essen und Trinken halten Leibe & Seele zusammen", also dursten und hungern trennt Leib und Seele langsam voneinander. Warum nicht diesen Umstand nutzen und die Sterbewilligen dabei medizinisch begleiten, womöglich auch geeignete Räumlichkeiten zur Verfügung stellen, damit die freiwillig Durstenden und Hungernden über Tage und Wochen in Ruhe ins Jenseits dämmern können. Getränke und Nahrung mmüssten immer in Reichweite sein, damit zu jedem Zeitpunkt Freiwilligkeit garantiert ist und der Vorgang jederzeit abgebrochen werden kann. Bei Krebskranken könnte etwa jederzeit eine Spontanheilung geschehen oder ein anderer Lebensmüder könnte während des Wochen langen Fastens zu einer elementaren Erkenntnis gelanden und doch noch weitleben wollen. Darum wäre für Ärzte und Pflegende diese Sterbemethode besser mit ihrem Berufsethos vereinbar. Wenn dann wirklich der Point of no return erreicht ist, dann könnte von aussen ohnehin nicht mehr erfolgreich zurück ins Leben interveniert werden, selbst wenn die Pflegenden wollten. Das Sterbefasten wäre meiner Ansicht nach eine Methode die nahezu allem und jedem Gerecht werden könnte. Der Vorgang ist für alle Seiten mit etwas Kosten und Mühen verbunden, macht es niemanden zu leicht, schützt dadurch eher vor Mißbrauch und Fehlentscheidungen als das Verabreichen und Trinken eines Giftbechers, es macht die Sterbewilligen weitgehend zu Herr/innen des Verfahrens, es ist kein "schönes Sterben" (Euthanasie), sondern ein Würde volles, menschliches, archaisch-zivilisiertes Sterben, ein Vorgang mit natürlicher äusserer und innerer Entwicklung.
Welche eigene Erfahrung habe ich mit dem Thema. Mein alter Vater ist vor einigen Wochen zu Hause im Bett relativ natürlich gestorben, nach vielen Jahren des langsamen körperlichen Zerfalls. Relativ natürlich, weil er in seinen letzten Tagen und Nächten starke Beruhigungsmittel bekommen hat, die - wie ich es deute - als eine Art Kontrastverstärker gewirkt haben: stärker wachen, tiefer schlafen, mehr leben, richtig tot sein. Ich war in seinen letzten Stunden bei ihm, und als er morgens nach dem Aufwachen wieder ruhig im Bett lag, aber beim Atmen stark röchelte fragte ich mich, warum er nicht ruhig atmete und wie lange man als Angehöriger zu Hause das aushalten kann. Meine Mutter flößte ihm einen Löffel voll ärztlich verordnetem Beruhigungsmittel ein. Als wir etwa eine halbe Stunde später wieder in sein Zimmer kamen, war mein Vater tot. Ich denke, das Beruhigungsmittel hat quasi gerundet: ist er dem Leben oder dem Tod näher, und es hat abgerundet. Obwohl ich eigentlich ein Verfechter größtmöglicher Natürlichkeit bin, bin ich doch froh, meinen Vater nicht vielleicht noch Stunden lang habe röcheln hören müssen. Anderseits ist die Vorstellung aber auch grausam, einen natürlichen Prozess einfach so chemisch abgeschnitten zu haben. Die Frage drängt sich natürlich auf, ob der Unterschied so entscheidend ist, zwischen dem chemischen Kick ins Jenseits wenn jemand ohnehin nur noch wenig ansprechbar ist und wohl in wenigen Stunden sterben wird und seine Sterbensäusserung (röchelnde Atmung) als Belastung empfunden wird (für mich, vielleicht nicht für meine Mutter), und auf der anderen Seite der Gabe eines Giftbechers für einen zwar unheilbar Kranken, der aber vielleicht noch Wochen, Monate oder Jahre leben könnte, der aber seine Lebensqualität als zu schlecht emfpindet, um weiterleben zu wollen, und damit einverstanden ist durch ein Gift sofort zu sterben.
Andere Erkenntnis zum Thema habe ich etwa aus einem Dokufilm im TV vor vielen Jahren, in welchem ein eigentlich gesund wirkender, kräftiger Mann mittleren Alters mit zunehmenden unheilbaren Schluckbeschwerden und Sprechbroblemen sich entschied, in die Schweiz zu fahren um sich dort einen Becher Gift verabreichen zu lassen, an dem er dann sofort sterben wird. Es wurde gezeigt wie er seinen Nachlass regelt und Abschied von seinen Freunden und seiner Frau und Sohn und Tochter nimmt, die ihn noch mit in die Schweiz begleitet haben, wo er dann tatsächlich sich hat vergiften lassen. Also jemand der vorwiegend auf Basis einer trostlosen Perspektive vorsorglich sich das Leben nimmt, bevor er so schwer behindert ist, dass er das nicht mehr machen kann. Ich finde das einerseits verdammt respektabel konsequent und mutig; anderseits aber auch irgendwie maschinenhaft, herzlos, unflexibel, unkreativ, ideenlos. Ist das Leben nicht eine ständige Improvisation mit dem was man ist und hat, das Beste draus zu machen, bis irgendwann gar nichts mehr geht? Ich kann beiden Positionen etwas abgewinnen und es kommt auf den Einzelfall an.