Es
gibt die Redensart "Essen und Trinken halten Leibe & Seele
zusammen", also dursten und hungern trennt Leib und Seele langsam
voneinander. Warum nicht diesen Umstand nutzen und die Sterbewilligen
dabei medizinisch begleiten, womöglich auch geeignete Räumlichkeiten zur
Verfügung stellen, damit die freiwillig Durstenden und Hungernden über
Tage und Wochen in Ruhe ins Jenseits dämmern können. Getränke und
Nahrung mmüssten immer in Reichweite sein, damit zu jedem Zeitpunkt
Freiwilligkeit garantiert ist und der Vorgang jederzeit abgebrochen
werden kann. Bei Krebskranken könnte etwa jederzeit eine Spontanheilung
geschehen oder ein anderer Lebensmüder könnte während des Wochen langen
Fastens zu einer elementaren Erkenntnis gelanden und doch noch weitleben
wollen. Darum wäre für Ärzte und Pflegende diese Sterbemethode besser
mit ihrem Berufsethos vereinbar. Wenn dann wirklich der Point of no
return erreicht ist, dann könnte von aussen ohnehin nicht mehr
erfolgreich zurück ins Leben interveniert werden, selbst wenn die
Pflegenden wollten. Das Sterbefasten wäre meiner Ansicht nach eine
Methode die nahezu allem und jedem Gerecht werden könnte. Der Vorgang
ist für alle Seiten mit etwas Kosten und Mühen verbunden, macht es
niemanden zu leicht, schützt dadurch eher vor Mißbrauch und
Fehlentscheidungen als das Verabreichen und Trinken eines Giftbechers,
es macht die Sterbewilligen weitgehend zu Herr/innen des Verfahrens, es
ist kein "schönes Sterben" (Euthanasie), sondern ein Würde volles,
menschliches, archaisch-zivilisiertes Sterben, ein Vorgang mit
natürlicher äusserer und innerer Entwicklung.
Welche eigene
Erfahrung habe ich mit dem Thema. Mein alter Vater ist vor einigen
Wochen zu Hause im Bett relativ natürlich gestorben, nach vielen Jahren
des langsamen körperlichen Zerfalls. Relativ natürlich, weil er in
seinen letzten Tagen und Nächten starke Beruhigungsmittel bekommen hat,
die - wie ich es deute - als eine Art Kontrastverstärker gewirkt haben:
stärker wachen, tiefer schlafen, mehr leben, richtig tot sein. Ich war
in seinen letzten Stunden bei ihm, und als er morgens nach dem Aufwachen
wieder ruhig im Bett lag, aber beim Atmen stark röchelte fragte ich
mich, warum er nicht ruhig atmete und wie lange man als Angehöriger zu
Hause das aushalten kann. Meine Mutter flößte ihm einen Löffel voll
ärztlich verordnetem Beruhigungsmittel ein. Als wir etwa eine halbe
Stunde später wieder in sein Zimmer kamen, war mein Vater tot. Ich
denke, das Beruhigungsmittel hat quasi gerundet: ist er dem Leben oder
dem Tod näher, und es hat abgerundet. Obwohl ich eigentlich ein
Verfechter größtmöglicher Natürlichkeit bin, bin ich doch froh, meinen
Vater nicht vielleicht noch Stunden lang habe röcheln hören müssen.
Anderseits ist die Vorstellung aber auch grausam, einen natürlichen
Prozess einfach so chemisch abgeschnitten zu haben. Die Frage drängt
sich natürlich auf, ob der Unterschied so entscheidend ist, zwischen dem
chemischen Kick ins Jenseits wenn jemand ohnehin nur noch wenig
ansprechbar ist und wohl in wenigen Stunden sterben wird und seine
Sterbensäusserung (röchelnde Atmung) als Belastung empfunden wird (für
mich, vielleicht nicht für meine Mutter), und auf der anderen Seite der
Gabe eines Giftbechers für einen zwar unheilbar Kranken, der aber
vielleicht noch Wochen, Monate oder Jahre leben könnte, der aber seine
Lebensqualität als zu schlecht emfpindet, um weiterleben zu wollen, und
damit einverstanden ist durch ein Gift sofort zu sterben.
Andere
Erkenntnis zum Thema habe ich etwa aus einem Dokufilm im TV vor vielen
Jahren, in welchem ein eigentlich gesund wirkender, kräftiger Mann
mittleren Alters mit zunehmenden unheilbaren Schluckbeschwerden und
Sprechbroblemen sich entschied, in die Schweiz zu fahren um sich dort
einen Becher Gift verabreichen zu lassen, an dem er dann sofort sterben
wird. Es wurde gezeigt wie er seinen Nachlass regelt und Abschied von
seinen Freunden und seiner Frau und Sohn und Tochter nimmt, die ihn noch
mit in die Schweiz begleitet haben, wo er dann tatsächlich sich hat
vergiften lassen. Also jemand der vorwiegend auf Basis einer trostlosen
Perspektive vorsorglich sich das Leben nimmt, bevor er so schwer
behindert ist, dass er das nicht mehr machen kann. Ich finde das
einerseits verdammt respektabel konsequent und mutig; anderseits aber
auch irgendwie maschinenhaft, herzlos, unflexibel, unkreativ, ideenlos.
Ist das Leben nicht eine ständige Improvisation mit dem was man ist und
hat, das Beste draus zu machen, bis irgendwann gar nichts mehr geht? Ich
kann beiden Positionen etwas abgewinnen und es kommt auf den Einzelfall
an.