Montag, 13. August 2012

Gedenken an den Mauerbau des Kapitalismus

kostenlose Inserate, die nicht so einfach überwach- und zensierbar wie virtuelle Schwarze Bretter im Internet sind, und dennoch oder gerade darum hat es sie hier im Lande wohl nie gegeben. Hier in den umliegenden Stadtteilen gibt es zentrale Markt- und Rathausplätze, aber zentrale Schwarze Bretter gibt es dort nicht: zu hässlich, zu viel Anarchie, zu umständlich überwachbar und es liesse sich kein Geld damit verdienen. Bei uns finden Schwarze Bretter in Supermärkten statt. Es dürfen nur Firmen-Vordrucke verwendet werden, die Überwachungskameras des Supermarktes haben sicher auch die Pinwand im Blick und der Filialleiter bestimmt, was hängen bleiben darf und was weg muss, und nach Feierabend und Sonntags kann niemand Inserate anheften oder lesen. Auch dieses Fehlen öffentlicher Schwarzer Bretter zur indirekten Kommunikation der Bürger an freien zentralen städtischen Plätzen ist eine Art unsichtbare Mauer, die kapitalistische Funktionäre um uns errichten.

Elektronische Internet-Plattformen für die Kontaktsuche und den Gebrauchtmarkt scheinen zwar übersichtlicher und bequemer als solche riesigen Zettelwände, aber die unübersichtlichere Papierform, wie am funktionierenden! Beispiel aus dem Osten gezeigt, hat es hier zu Lande ja nie gegeben, also Internetplattformen verbessern hier nichts bereits Vorhandenes, sondern verschieben den virtuellen Mauerbau nur auf eine höhere technische Ebene - und viele lassen sich blenden und vorm PC beschäftigen, eben weil es neu, bunt, sauber, bequem ist. Dass es auch teurer und zentral überwachbarer und informationell ausbeutbarer ist, wird dabei vergessen. Auch wird die Übersichtlichkeit von Internetplattformen wieder zunichte gemacht indem es mehr als eine davon gibt, was wahrscheinlich sogar noch als Angebotsvielfalt missverstanden wird, nicht begreifend, dass es faktisch wie eine unsichtbare Mauer ist.

Hingegen ein konkreter physischer Ort, beispielsweise wie im bebilderten Beispiel, in unmittelbarer Nähe eines Bahnhofs, ist durch nichts zu ersetzen. Sicher ist auch das schon eine Auswahl und Eingrenzung, weil es örtlich gebunden ist und weil Bahnhöfe nicht die einzigen Verkehrsknotenpunkte sind, aber es sind natürliche Grenzen, keine künstlich geschaffenen um Profit zu machen, und die auf der Hand liegende Idee, an einem zentralen und von vielen unterschiedlichen Menschen frequentierten Verkehrsknotenpunkt mit Verweilmöglichkeit ein Schwarzes Brett einzurichten, als Kontakt und Tauschbörse, ist einfach unschlagbar, war jedoch bei uns wohl nie Realität, weil hier nicht die Bedürfnisse der Bevölkerung gelten, sondern die der technischen Macht-Eliten.

Die grössten physischen Schwarzen Bretter, die ich kenne, sind in Universitätsgebäuden, aber Studenten sind eine extrem aktive, aber auch sehr schmale gesellschaftliche Gruppe, die noch dazu gerne unter sich bleibt.

Der Kapitalismus errichtet überall Grenzen und Mauern, um sich die anschliessenden Mauer-Durchbrüche und Brückenbauten über Grenzen hinweg gut bezahlen zu lassen, und um die Ströme von Menschen und Informationen zu kontrollieren. Die Menschen also zunächst physisch und virtuell einhegen, beispielsweise durch einen Alltag der geprägt ist von mindestens acht Studen Arbeit, und sich dann die Ausbrüche und kleinen Fluchten dieser kapitalistischen Häftlinge und Sklaven in die Freiheit fürstlich entlohnen zu lassen = Freizeitindustrie.