Dienstag, 18. Juni 2013

Fortsetzung: Puppe aus Luft: 1Q84

Es gibt etliche Parallelen mit anderen Romanen und Filmen, wobei aber unklar ist, ob der Autor sich auf Diese bezieht, oder ob er eigenständig und parallel zu den selben Beschreibungen gekommen ist. Also ob letztlich alle von der selben Quelle abgeschrieben haben, oder ob es quasi mehrere unabhängige Zeugen der selben Sache sind, was dann als Beleg und Indiz fast schon einen Beweischarakter bekäme.

So gibt es an einer Stelle eine kurzen erzählerischen Seitenstrang zu einem russischen Autor einer früheren Epoche, und dessen Reise auf die Insel Sachalin, aber man weiss nicht recht, was das soll. Nebenbei wird irgendwie auf die besondere Form der Insel hingewiesen, und wenn man sich die anschaut, und auch noch auf den japanischen Namen der Insel (Karafuto-to), dann fällt der Groschen: Kar! Da war doch was. Mittlerweile habe ich in drei Romanen einen Bezug zu einem Kar entdeckt, im Zusammenhang mit Total- bzw Willkürherrschaft.

Beispielsweise spielen in 1Q84 die sog "Little People" eine wichtige und mystisch-mächtige Rolle - auch beim Gedankenlesen. Das erinnert an den Film Being John Malkovich, wo aus einem Gebäude, das augenscheinlich für sehr kleine Leute gebaut wurde, ein direkter Zugang in den Kopf von John Malkovich gefunden wird. 

Die Frage ist, ob Murakami die Idee für seine "Little People" aus dem Film übernommen hat (und wer weiss woher die Filmemacher ihre Idee habe), oder ob er eine zwar geheime, aber Wirklichkeit beschreibt. Könnte aber auch schlicht eine Allegorie auf jene geheimen Leute sein, die zwischen den Fugen der Gesellschaft leben, und die sich klein machen und (moralisch) verbiegen müssen, für diese Art Leben ausserhalb von Gesetz, Moral und Normalität.

Zwei weitere Aspekte spielen in 1Q84 eine wichtige Rolle: Die mit Gewalt gegen zu böse und zu gute Menschen herzustellende weltweite Balance von Gut & Böse  (Der Roman "Die Auserwählten" behandelt ein ähnliches Thema), Eins-Sein und Getrennt-Sein.

Als Hauptthema beschreibt der Roman in mystisch verbrämter Art eine real existierende Herrschafts- und Versklavungstechnologie. Was im Roman als "Puppe aus Luft" (eigentlich ein Kokon, gesponnen aus Luft. Hinweis auf die Stringtheorie?) mystifiziert wird, dessen Puppen-hafter Inhalt das Abbild einer lebenden Person ist und als deren "Seelen-Schatten" bezeichnet wird  (die Puppe im Kokon, als "Tochter"-Organismus, als Abbild eines bereits existierenden Menschen, des sog. "Mutter"-Organismus). Die Puppe fungiert als "Perceiver" bzw "Receiver".

Die auf dem hinteren Buchdeckel zitierte Meinung einer japanischen Zeitung, die Texte des Autors seien hilfreich zum Verständnis der modernen Welt, sind eine Bestätigung, dass Murakami sich mit tatsächlich praktizierten ungeheuerlichen Ideologien und Technologien der Herrschaft und Versklavung befasst.


Die mutmassliche Entsprechung im wirklichen Leben ist ein gezüchteter Labor-Klon aus entnommenen Körperzellen und -geweben, oder auch nur DNA-Proben lebender Menschen. Weil die Zellen im Labor, und der Mensch von dem sie stammen, quasi eine gemeinsame "Seele" haben, stehen der Stamm-, Ursprungs- bzw Mutterorganismus (der lebende Mensch) und seine im Labor weiterlebenden Körperzellen in einer geheimnisvollen Verbindung miteinander (Die Mietmäuler und Propagandisten der Herrschenden bezeichnen diese unsichtbare Verbindung ebenso euphemistisch wie zynisch als "Liebe"). Was der betreffende Mensch denkt, sieht und tut, das bildet sich offenbar auch im nervlichen Verhalten der Laborzellen ab, die quasi wie ein Per- oder Receiver für Signale vom Ursprungsorganismus fungieren. Wenn die Nervenimpulse des Labor-Klons mittels Sensoren empfangen werden (der vielleicht kein vollständiger Mensch sein muss, sondern eventuell genügt ein dreidimensionales neuronales Gewebe- und Zellgebilde) und die Impulse richtig zugeordnet werden, hat man direkte Informationen aus dem Inneren des betreffenden Menschen - mithin die totale Überwachung (Der Feind in deinem Körper) des betreffenden Menschen erreicht. Das ist keine blosse Fiktion, das ist Realität!

Im Roman werden diese Überwachungsfähigkeiten kleinen Ausserirdischen (den "Little People") zugeschrieben, die schon immer im Verborgenen "da" waren, seit es Menschen auf der Erde gibt. (Einschub: Warum könnten die Herrschenden wollen, dass wir an ausser-irdische Mächte glauben? Um von sich abzulenken. Um Solidarität zu ernten - wir Erdlinge zusammen gegen die Aliens. Um die Machtverhältnisse als ewiglich und unumstösslich zu suggerieren, weil das Leben auf der Erde schon immer von Ausserirdischen bestimmt wurde). Naheliegender scheint es, hinter diesen Technologien jedoch die global vernetzten Geheimdienste und Militärs zu vermuten.(Einschub: Wegen dem Kontext mit einer religiösen Sekte könnte es insgesamt eine inhaltliche Parallele mit dem Buch "Der Name der Rose" geben).

Weil diese Herrschaftstechnologien mittlerweile ein so hohes wissenschaftliches und macht-technologisches Niveau erreicht haben, und man wohlmöglich schon Informationen aus anderen Dimensionen und Welten erlangt hat ("Gott steckt in den Atomen"), darum kommen uns die Angehörigen der Herrschaftseliten zunehmend wie Ausserirdische vor. Aber vielleicht sind wir Erdlinge tatsächlich nur die Spielfiguren in den unsichtbaren Händen kleiner ausserirdischer Wesen, die in irgendwelchen Dimensionen zwischen den Elementarteilchen leben, und deren Macht sich umgekehrt-proportional zu ihrer Winzigkeit verhält.

Zwar habe ich den über 1000 Seiten dicken Roman ziemlich verschlungen, weil er Aspekte zusammenbrachte, die mich seit einiger Zeit beschäftigen, und weil ich auf weiterführende Andeutungen und Informationen hoffte - wurde aber enttäuscht. Als ich kurz vor Schluss mal innehielt fand ich, dass von der Geschichte nichts nachbleibt - ich hatte das Gefühl, der ganze Roman ist eine mit Uhrwerk ähnlicher Stoik gesponnene Puppe aus Luft - ein grosses Nichts. Die Begeisterung der Kritker kann ich darum nicht ganz teilen.