Dienstag, 19. August 2014

Ein paar Antworten auf einen haGalil-Artikel

Das ist die gleiche "Logik", wie beispielsweise die einer Armee, welche ein ganzes Dorf zerstört und seine Einwohner ermordet, weil Partisanen aus dem Dorf Hinterhalte gegen die Armee gelegt hatten.  Und es widerspricht jener Behauptung des israelischen Militärs und auch des Artikelschreibers von haGalil, dass die israelische Armee nichts bombardiert, wo sich Zivilisten aufhalten.


„Oberst Lerner, haben Sie es auf unschuldige Zivilisten abgesehen oder ist es Inkompetenz?“ fragt die Interviewerin mit einem Gesicht, das eine offenbar nur für Israelis reservierte Geringschätzung zeigt.



Immerhin fragt die Journalistin noch, anstatt einfach nur zu behaupten! Und die Interpretation von Gesichtsausdrücken ist sehr subjektiv, gehört darum eigentlich nicht in seriöse journalistische Artikel, allenfalls in die persönichen Texte von Privat-Bloggern.


Würde sie mit einer solch groben Respektlosigkeit gegenüber einem amerikanischen oder britischen Offizier auftreten, wären die Zuschauer verstimmt. Und benähme sie sich gegenüber einem arabischen Kommandeur auf diese Weise, müsste sie mit Anschuldigungen von Rassismus rechnen.



Provozierende Fragen nach immerhin tödlichen Angriffen sind keine Respektlosigkeit, sondern journalistische Pflicht. Abgesehen davon, dass ich nicht glaube, dass nicht-jüdische Militärs mit journalistischen Samthandschuhen angefasst werden - man denke nur an den jüngsten Fall eines Oberst Klein in Deutschland, der die Bombardierung eines Tanklasters in Afghanistan befohlen hatte, mit über 100 toten Zivilisten, und der sogar von einigen deutschen Medien kritisch angegangen wurde - also abgesehen davon, erscheint diese Empfindlichkeit und der Vergleich mit arabischen Miltiärs deplatziert, angesichts der Tatsache, dass Juden und Israelis gerne betonen, dass Israel die einzige Demokratie im Nahen Osten sei; aber Demokratien zeichnen sich eigentlich durch eine grössere Toleranz gegenüber kritischen Medien aus.


Die Wahrheit sieht jedoch ganz anders aus. Die IDF hat die umfassendsten und intelligentesten Maßnahmen entwickelt, um zivile Opfer während Angriffen auf zulässige militärische Ziele gering zu halten.


Vor jedem Luftangriff ist es vorgeschrieben, multi-sensorische Informations- und Überwachungssysteme, die die An- oder Abwesenheit von Zivilisten bestätigen, einzusetzen. SMS, Telefonanrufe und Radiobotschaften in Arabisch rufen zum Verlassen des anvisierten Zieles auf. Flugblätter, die aus der Luft abgeworfen werden, beinhalten Landkarten, die sichere Gebiete aufzeigen. Wenn Warnungen keine Beachtung geschenkt wird, wirft die Luftwaffe vor einem Angriff zunächst nicht-tödlichen Sprengstoff ab, um so davor zu warnen, dass der Angriff unmittelbar bevorsteht.
Erst wenn Piloten und Fliegerleitoffiziere sicher sind, dass keine Zivilisten vor Ort sind, wird die Genehmigung für den Angriff gegeben. Wenn Piloten lasergesteuerte Munition verwenden, müssen vorher sichere Gebiete bestimmt werden, in die die Geschosse umgeleitet werden können, sollten plötzlich Zivilisten am anvisierten Ziel erscheinen.
In den letzten Tagen haben Piloten der IDF viele Missionen abgebrochen, weil sich Zivilisten in der anvisierten Gegend aufhielten.



Wenn 408 getötete, 2.502 verletzte und 373.000 traumatisierte palästinensische Kinder (Zahlen von haGalil selbst!) das Ergebnis "umfassendster und intelligentester Massnahmen" zum Schutz von Zivilisten ist, um die Raketen-Abschussrampen der Hamas, sowie Tunnel zu zerstören, dann erscheint die Frage der oben zitierten Journalistin in der Tat berechtigt, ob es sich um Inkompetenz der IDF handelt, oder ob Zivilisten das tatsächliche Ziel der israelischen Armee sind.



Die Bevölkerungszahl des Gazastreifens beträgt rund 1,8 Millionen Menschen. Wenn die Hälfte davon Menschen im arbeitsfähigen Alter zwischen 16 und 60 Jahren sind, bleiben etwa 900 000 Greise und Kinder. Wenn nur ein Drittel davon Alte sind, dann gäbe es rund 600 000 minderjährige Kinder. Nach obigen Opferzahlen wären also mehr als die Hälfte aller Kinder des Gazastreifens durch die israelischen Angriffe traumatisiert.

Mir scheint, der Verfasser des haGalil-Artikels ist mehr beeindruckt von der Armee-HighTech als von den hohen Opferzahlen - es sind ja "nur" Palästinenser.  Verlassen sich Human Rights Watch und Teile der UNO auch auf Angaben der Hamas, wenn von Völkermord und Kriegsverbrechen gesprochen wird? Es gibt zahllose westliche Organisationen und Medien im Gazastreifen, da ist man nicht auf die Angaben der Hamas angewiesen. Es gab sogar junge Leute aus Skandinavien, die sich als "menschliche Schutzschilde" zur Verfügung gestellt haben, auch die werden ihre Eindrücke als Augenzeugen berichtet haben. Und woher hat haHaglil seine anderen Zahlen?  Allein von der israelischen Armee? Wer hat mehr Interesse an passenden Zahlen, als die Täter selber?


Die Bodentruppen haben äquivalente Handlungsweisen für ihre Einsätze, obwohl es in der Beschaffenheit des Bodenkampfes liegt, dass dieser schonungsloser und weniger technisch ausgereift ist. Gespräche mit Infanteristen der IDF, die gerade aus den Kämpfen in Gaza zurückkommen, bestätigen jedoch, dass die Vermeidung von zivilen Opfern an erster Stelle steht, selbst wenn die Soldaten selbst unter Beschuss kommen.



Wie erklärt man bei haGalil sich und uns die Tatsache, dass es trotz des für israelische Soldaten relativ wenig gefährlichen Kampfeinsatzes im Gazastreifen dennoch etliche Deserteure und ehemalige Armee-Angehörige gibt, die den Kampfeinsatz im Gazastreifen nicht mehr mit ihrem Gewissen vereinbaren können und von Kriegsverbrechen dort reden!?


Zurück in der Sicherheit des Fernsehstudios verliert die Interviewerin gegenüber dem Sprecher der IDF immer mehr an professioneller Objektivität und zeigt stattdessen offen ihre Wut: „Sie reden ständig über all die Warnhinweise, die Sie geben, doch Tatsache ist, dass Sie eineinhalb Tausend Menschen getötet haben, die große Mehrheit von ihnen Zivilisten!“     

Natürlich wird dem Offizier nicht gestattet, eine angemessene Antwort zu geben, die Zuschauern helfen könnte, die reale Situation zu verstehen.



Das zu Kritisierende wäre nicht die Emotionalität der Journalistin - sie ist eben auch "nur" ein (informierter) Mensch und kein israelischer Roboter oder Übermensch - und auch ihre Frage ist inhaltlich berechtigt, aber selbstverständlich muss die Chance einer Antwort möglich sein.

HaGalil redet ständig von der "realen Situation".  Aber aus welchen Quellen erstellt sich haGalil sein Bild, und warum soll dieses Bild realer sein, als die Bilder der Gegenseite?


So wurden im Juli 2014 laut einer Statistik der israelischen Streitkräfte 260 Raketen von Schulen abgefeuert, 127 von Friedhöfen, 160 von Moscheen und anderen religiösen Einrichtungen, 50 von Krankenhäusern sowie 597 von sonstigen Bevölkerungszentren.



Zunächst sollte man sich vielleicht mal klar machen, dass die Raketen  eigentlich nur von Dächern oder von Plätzen neben den genannten Gebäuden abgeschossen werden können, nicht jedoch aus dem Keller oder von sonstwo aus dem Gebäude.  Also vom Minarett oder von der runden Kuppel einer Moschee kann man keine Rakete abschiessen.  Die Frage ist, ob die Abschussrampen aus Metall und mobil sind, oder ob sie fest gemauert auf dem Dach oder neben dem Gebäude stehen. Wenn mobile Abschuss-Rampen benutzt werden, dann sind nicht die Gebäude das Problem oder das "Terror-Nest", sondern die jeweiligen Abschussrampen. Aber wenn die beweglich sind, dann müsste die israelische Armee die Rampen sofort nach dem Raketenabschuss zerstören.  Hingegen Bombardierungen von Gebäuden Wochen nach mobilen Raketenabschüssen, erscheinen dann als böswilliger Unsinn. Wenn die Rampen jedoch gemauert sind, egal ob auf freier Fläche neben Gebäuden oder auf deren Dächern, dann erscheint es dennoch überdimensioniert, mit Bomben solche Rampen zu zerstören, denn das ist mit Kanonen auf Krokodile schiessen - zumal tausende unschuldige Zivilisten dabei traumatisiert, schwer verletzt und getötet werden. Vor dem Hintergrund, dass das israelische Raketen-Abwehrsystem erfolgreich funktioniert, immerhin gab es trotz angeblich über tausend Hamas-Raketen keinen einzigen oder nur einen oder zwei tote israelische Zivilisten - also angesichts dieser Fakten erscheint die praktizierte Bombardierung ganzer Strassenzüge und die Tötung tausender Zivilisten als völlig Unverhältnismässig, was die Bezeichnungen Kriegsverbrechen und versuchter Völkermord als berechtigt erscheinen lassen.
Zu den Gebäuden und zu den Tunneln, durch die angeblich die Hamas Terroristen auf israelisches Gebiet schleust und durch die Waffen transportiert werden,
Wenn dann die Weltpresse, wie derzeit die New York Times, das Foto eines getöteten Kindes zeigt, hat die Hamas gesiegt. Dass Israels Regierung das Leben dieses Kindes schonen wollte, während die Islamisten auf dessen Opferung förmlich hingearbeitet hatten, wird die Öffentlichkeit kaum interessieren.
Die emotionale Wirkung eines solchen Fotos beseitigt das Bedürfnis nach weiteren Fragen, zumal sie mit dem Zerrbild vom jüdischen Kindermörder – ein im westlichen Unterbewusstsein tief verankertes Vorurteil – bestens harmoniert.
Diese Unterstellung ist wirklich infam, unverschämt und demagogisch!                                                Jene Menschen, die sich heute interessieren und engagieren, sind jung und von internationalen Medien sozialisiert, sie haben keine uralten anti-jüdischen Stereotype im Kopf. Wer mit solchen falschen Feindbildern argumentiert, wie der haGalil-Autor, der zeigt weder Respekt vor den lesenden eigenen Leuten, die er offenbar für oberflächliche Idioten hält, noch vor den Meinungsgegnern, die er offenbar für Arschlöcher hält. Die Infamie des Artikelschreibers von haGalil offenbart, er hat keine Argumente und greift darum in die Dreckskiste mit den Totschlag-Pauschal-Floskeln, um die Gemüter der oberflächlichen eigenen Leserklientel zu beruhigen. Nach dem Motto: Lasst euch von den Opfern im Gazastreifen und dem globalen Mediengeschrei nicht beeindrucken - das sind alles Judenfeinde oder leichtgläubige Trottel.


Tatsächlich jedoch gibt es das Problem, dass wir alle unser Weltbild von Dritten beziehen, wir empören und engagieren uns auf Grund von Informationen aus unbekannter Hand.


Dadurch sind wir manipulierbar. Das gilt für ALLE Seiten.  Zum Glück gibt es dagegen die öffentliche Diskussion mit Meinungs-Gegnern. Allerdings kann man sich auch da nicht sicher sein, ob man es nicht mit gesteuerten Agents-Provocateurs zu tun hat.  Man müsste sich also immer an den genannten Fakten orientieren und mitdenken.